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Blog · September 7, 2026 · Tobias Wissen

Odoo 20 kommt. Die wichtigere Frage ist, welche Version Sie gerade fahren

Ende September stellt Odoo auf seiner Hausmesse in Brüssel die nächste Hauptversion vor. Es wird Screenshots geben, Ankündigungen, Partner, die auf LinkedIn erklären, warum jetzt alles anders wird.

Odoo 20 kommt. Die wichtigere Frage ist, welche Version Sie gerade fahren

Ende September stellt Odoo auf seiner Hausmesse in Brüssel die nächste Hauptversion vor. Es wird Screenshots geben, Ankündigungen, Partner, die auf LinkedIn erklären, warum jetzt alles anders wird.

Für Ihren Betrieb ist an dieser Meldung genau eine Sache wirklich relevant, und sie hat nichts mit neuen Funktionen zu tun: Mit jeder neuen Hauptversion fällt eine alte aus dem Support. Wenn Sie noch auf Odoo 17 arbeiten, ist das im Herbst Ihre Version.

Das ist kein Grund zur Panik. Aber es ist ein Grund, sich einmal hinzusetzen und eine Entscheidung bewusst zu treffen, statt sie über zwei Jahre passiv laufen zu lassen. Dieser Beitrag zeigt, wie der Rhythmus funktioniert, was ein Support-Ende praktisch bedeutet, und wie Sie in etwa zwei Stunden eine belastbare Bestandsaufnahme Ihrer eigenen Installation erstellen.


Der Rhythmus, den Odoo fährt

Odoo veröffentlicht seit Jahren jeden Herbst eine neue Hauptversion, immer passend zur Odoo Experience. Die Zahlen laufen durch: 17, 18, 19, jetzt 20.

Zwei Regeln bestimmen daraus alles Weitere:

Odoo pflegt die drei jüngsten Hauptversionen. Helpdesk-Support, Fehlerbehebung und Sicherheitsupdates gibt es für diese drei. Kommt eine neue dazu, fällt die älteste heraus.

Standard-Support läuft drei Jahre je Hauptversion. Danach ist Schluss, es sei denn, Sie schließen kostenpflichtigen Extended Support ab.

Beide Regeln führen zum selben Ergebnis, weil jährlich eine Version erscheint. Praktisch heißt das: Ihre Version hat ab Erscheinen ungefähr drei Jahre Lebenszeit, und der Countdown läuft ab dem Tag der Inbetriebnahme, nicht ab dem Tag, an dem Sie darüber nachdenken.

Wer heute auf 17 ist, hat den Großteil dieser Zeit bereits verbraucht.


Was “aus dem Support fallen” praktisch bedeutet

Am ersten Tag danach passiert nichts. Das System läuft weiter, niemand schaltet etwas ab, kein Bildschirm wird rot. Genau deshalb ist die Situation gefährlich: Sie merken sie nicht.

Was tatsächlich aufhört:

Sicherheitsupdates. Das ist der ernsteste Punkt. Odoo veröffentlicht Sicherheitskorrekturen für die gepflegten Versionen. Ihre nicht mehr gepflegte Installation bekommt sie nicht mehr — die Lücken werden aber trotzdem öffentlich bekannt. Wenn Ihr Odoo aus dem Internet erreichbar ist, und das ist es bei Portal, Website oder Shop zwangsläufig, wächst das Risiko mit jedem Monat.

Fehlerkorrekturen. Ein Bug in der Buchhaltung oder im Lager wird für Ihre Version nicht mehr behoben. Die Antwort lautet dann: in der neueren Version ist das gelöst.

Support-Anspruch. Ein Ticket bei Odoo bekommt keine inhaltliche Bearbeitung mehr.

Das Ökosystem. Das trifft viele früher als der Support selbst. Drittanbieter-Module, Zahlungsanbieter, Versanddienstleister und Schnittstellenpartner pflegen ihre Anpassungen für die aktuellen Versionen. Je älter Ihre Version, desto häufiger hören Sie: “Für 17 haben wir das nicht mehr.”

Dazu kommt ein Punkt, der in Deutschland eigenes Gewicht hat: Buchhaltung und Belegwesen sind hier regulatorisch bewegliches Gelände. Kontenrahmen, DATEV-Schnittstelle, GoBD-Anforderungen, E-Rechnung. Wenn sich Vorgaben ändern, landen die Anpassungen in den gepflegten Versionen. Eine Installation außerhalb des Supports muss dann von Hand nachgezogen werden — oder sie erfüllt die Anforderungen irgendwann nicht mehr.


Die Regel, die viele erst zu spät kennen

Hier kommt der Punkt, den Odoo in der Dokumentation stehen hat und der in kaum einer Diskussion auftaucht:

Sie können nur auf unterstützte Versionen aktualisieren. Eine gerade aus dem Support gefallene Version bleibt für etwa sechs Monate nach ihrem End-of-Life noch als Ziel für ein Upgrade nutzbar — danach nicht mehr.

Das klingt technisch, hat aber eine sehr praktische Folge. Wenn Sie auf 16 sitzen und sich gedacht haben, Sie machen erstmal den kleinen Schritt auf 17, weil das überschaubarer wirkt: Dieses Fenster schließt sich mit dem Erscheinen von 20 und dem halben Jahr danach. Ab dann ist 17 kein zulässiges Ziel mehr, und Sie springen ohnehin auf 18 oder höher.

Der vermeintlich kleine Schritt verschwindet also als Option. Das ist ein Argument dafür, ohnehin gleich auf eine Version zu gehen, die noch mehrere Jahre vor sich hat, statt zweimal den Aufwand zu betreiben.

Prüfen Sie die genaue Formulierung und die aktuellen End-of-Life-Daten in der Odoo-Dokumentation, bevor Sie darauf planen — die Termine verschieben sich gelegentlich.


Warum der Aufwand nicht im Update liegt

Wenn Betriebe ein Upgrade verschieben, liegt das selten am Update selbst. Odoo stellt einen Upgrade-Dienst bereit, der die Datenbank auf die neue Struktur hebt. Das ist ein durchgetesteter, weitgehend automatisierter Vorgang.

Die Arbeit liegt in dem, was über die Jahre drangebaut wurde.

Ein Odoo, das drei Jahre in einem Betrieb läuft, ist kein Standard-Odoo mehr. Da sind angepasste Angebots- und Rechnungsvorlagen, weil die Standardvorlage nicht nach DIN 5008 aussah. Da sind Automatisierungen, die jemand vor zwei Jahren eingerichtet hat, weil ein Prozess sonst nicht funktioniert hätte. Da sind Zusatzfelder, ein Modul vom Partner, eine Schnittstelle zum Onlineshop, eine zum Versanddienstleister, ein nächtlicher Export für den Steuerberater.

Jedes dieser Teile muss ein Upgrade überstehen. Und die entscheidende Frage ist fast nie, ob es technisch geht — sondern ob überhaupt noch jemand weiß, dass es existiert.

Der typische Verlauf im Mittelstand: Das Upgrade selbst läuft an einem Wochenende. Zwei Wochen später fällt auf, dass der automatische Mahnlauf nicht mehr greift, weil eine Automatisierungsregel auf ein Feld zeigte, das umbenannt wurde. Solche Dinge findet man nicht beim Update. Man findet sie beim Testen — wenn man vorher weiß, wonach man sucht.

Genau dafür ist die folgende Liste da.


Ihre Bestandsaufnahme: neun Punkte

Diese Liste können Sie selbst abarbeiten, auch ohne Entwicklerkenntnisse. Rechnen Sie mit ein bis zwei Stunden. Das Ergebnis ist die Grundlage für jedes Angebot, das Sie danach einholen — und es macht die Angebote vergleichbar.

1. Welche Version läuft überhaupt? Zu finden unter Einstellungen, ganz unten in den Entwicklerwerkzeugen oder in der Fußzeile. Notieren Sie die vollständige Nummer.

2. Community oder Enterprise? Das entscheidet über Upgrade-Weg, verfügbare Apps und Kosten.

3. Wo läuft es? Odoo Online, Odoo.sh oder auf eigenem Server. Der Weg unterscheidet sich erheblich, und bei eigenem Server tragen Sie Betriebssystem, Datenbank und Backup selbst.

4. Welche Apps sind aktiv? Nicht die installierten — die genutzten. Erfahrungsgemäß ist ein Drittel davon nie ernsthaft in Betrieb gegangen. Was niemand nutzt, muss auch nicht migriert werden.

5. Welche Module stammen nicht von Odoo? Alles aus dem App Store, vom Partner oder selbst entwickelt. Zu jedem: Wer hat es gebaut, gibt es eine Version für die Zielversion, und wird es überhaupt noch gebraucht?

6. Welche Belegvorlagen wurden angepasst? Angebot, Auftragsbestätigung, Lieferschein, Rechnung, Mahnung. Angepasste Vorlagen überleben ein Upgrade nicht automatisch. Drucken Sie von jeder ein Muster aus und legen Sie es beiseite — das ist Ihre Vergleichsgrundlage nach dem Upgrade.

7. Welche Automatisierungen laufen? Automatisierungsregeln, geplante Aktionen, Server-Aktionen, E-Mail-Vorlagen mit Bedingungen. Das ist der Bereich, in dem nach einem Upgrade am häufigsten still etwas ausfällt.

8. Was hängt außen dran? Onlineshop, Kassensystem, Zeiterfassung, Versanddienstleister, Zahlungsanbieter, Bankanbindung, DATEV-Export, WhatsApp oder Messenger-Anbindung, n8n- oder Make-Workflows. Jede Schnittstelle ist ein eigener Testfall.

9. Wie sieht Ihr Kalender aus? Ein Upgrade legt man nicht in den Jahresabschluss, nicht in die Inventur und nicht in Ihre Hochsaison. Diese Frage entscheidet den Termin oft mehr als alles andere.

Wenn Sie diese neun Punkte beisammen haben, wissen Sie mehr über Ihre Installation als die meisten Betriebe über ihre. Und Sie können ein Angebot bewerten, statt es glauben zu müssen.


Drei Wege — und wann welcher passt

Jährlich mitziehen. Jedes Jahr eine Version weiter. Jeder Schritt ist klein, weil sich zwischen zwei aufeinanderfolgenden Versionen wenig grundlegend ändert. Der Aufwand ist planbar und wird nie zur Großbaustelle. Passt für Betriebe mit wenigen Anpassungen und einem Partner, der ohnehin regelmäßig ins System schaut.

Alle zwei bis drei Jahre springen. Sie überspringen bewusst Versionen und machen dafür seltener ein größeres Projekt. Der Sprung ist aufwendiger, das Testen dauert länger, aber Sie halten Ruhe im Betrieb. Passt für Betriebe mit stabilen Prozessen, die keine neuen Funktionen brauchen. Wichtig ist nur, nicht aus Versehen aus dem Fenster zu fallen: Der Sprung muss stattfinden, bevor Ihre Version keine zulässige Ausgangslage mehr ist.

Bewusst stehenbleiben. Ja, das ist eine legitime Option — aber nur als Entscheidung, nicht als Versäumnis. Wenn Sie stehenbleiben, gehört dazu: Extended Support prüfen, das System vom offenen Internet abschirmen, Backups regelmäßig testen, und ein Datum setzen, an dem Sie die Entscheidung erneut treffen. Ohne diese Begleitmaßnahmen ist Stehenbleiben kein Weg, sondern ein aufgeschobenes Problem mit Zinsen.

Was in allen drei Fällen gilt: Der Aufwand für ein Upgrade wächst mit dem Abstand. Zwei Versionen Rückstand sind mehr als doppelt so aufwendig wie eine, weil sich Änderungen überlagern und weil Drittanbieter-Module irgendwann keine passende Fassung mehr haben.


Was über Odoo 20 bisher bekannt ist

Hier ist Vorsicht angebracht, deshalb deutlich gekennzeichnet: Alles, was heute zu Odoo 20 kursiert, stammt aus einer Roadmap-Präsentation vom Frühjahr. Odoo selbst bezeichnet solche Roadmaps als Liste von Dingen, die man vielleicht umsetzt. Verbindlich wird es erst mit der Vorstellung in Brüssel.

Der erkennbare Schwerpunkt liegt auf Vereinfachung und auf KI-Funktionen, die direkt in den Arbeitsabläufen sitzen statt in einem eigenen Bereich. Wo 19 vor allem Funktionsumfang und Tempo gebracht hat, zielt 20 offenbar darauf, dass das System bei Aufgaben mitarbeitet.

Zur Einordnung, und das ist der Punkt, den die Ankündigungen gerne unterschlagen: KI-Funktionen sind in Odoo 19 bereits enthalten. Die Dokumentation der 19 führt einen eigenen Bereich dafür — KI-Felder, KI-Agenten, KI in Server-Aktionen und E-Mail-Vorlagen, Sprachtranskription, KI im Live-Chat. Wer heute auf eine gepflegte Version wechselt, wartet also nicht auf ein Thema, das erst kommt.

Für Ihre Entscheidung heißt das: Warten Sie nicht auf Odoo 20, um zu wissen, ob sich ein Upgrade lohnt. Die Frage, ob Ihre Version noch Sicherheitsupdates bekommt, ist unabhängig davon beantwortet.


Ein realistischer Zeitplan

Für einen mittelständischen Betrieb mit einer normal gewachsenen Installation:

Bestandsaufnahme: ein bis zwei Stunden, selbst zu machen, jederzeit.

Angebot und Planung: ein bis zwei Wochen, überwiegend Wartezeit.

Testlauf auf einer Kopie: ein bis drei Wochen. Hier steckt die eigentliche Arbeit — Anpassungen nachziehen, Vorlagen prüfen, Schnittstellen testen.

Abnahme durch Ihre Leute: eine Woche. Der Teil, den alle kürzen wollen und keiner kürzen sollte. Ihre Buchhaltung merkt in zwanzig Minuten, was ein Dienstleister in zwei Tagen nicht findet.

Umstellung: ein Wochenende.

Nachlauf: zwei Wochen erhöhte Aufmerksamkeit. Kleinigkeiten kommen erst im Tagesgeschäft hoch.

Macht in Summe sechs bis acht Wochen von der Entscheidung bis zum ruhigen Betrieb. Wer das im Oktober beginnt, ist vor dem Jahresabschluss fertig. Wer im Januar anfängt, arbeitet mitten im Abschluss.


Was jetzt zu tun ist

Wenn Sie eine Sache aus diesem Beitrag mitnehmen: Schauen Sie diese Woche nach, welche Odoo-Version bei Ihnen läuft. Nur das.

Ist es 19 oder 18, haben Sie Zeit und können in Ruhe planen. Ist es 17, gehört die Bestandsaufnahme in den Oktober. Ist es 16 oder älter, ist der Termin überfällig — und das Upgrade-Fenster wird enger, nicht weiter.

Ein Upgrade ist kein Projekt, das man gewinnt. Es ist Instandhaltung. Wie beim Fahrzeug: Der Termin ist nie günstig, und trotzdem ist er günstiger als das, was ohne ihn passiert.


Sie wissen nicht sicher, was in Ihrem Odoo alles drangebaut ist? Darf ich mir das einmal mit Ihnen ansehen — eine Bestandsaufnahme entlang der neun Punkte oben, danach wissen Sie, woran Sie sind. Ohne Verkaufsdruck, und das Ergebnis gehört Ihnen, unabhängig davon, wer das Upgrade am Ende macht.


Quellen und Stand

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